The Black Wolf's Den: Wolfstours
 

Wolfstours

Samstag, 19. Mai 2007

Wieder da ...

... von hier, sicher und wohlbehalten heimgebracht von diesem Gentleman. Ein blauer Fleck am Knie, von dem ich ausnahmsweise weiß, wie ich ihn erhalten hab. Wohlbekannte alte Gesichter, ebenso interessante neue Gesichter. Und die Mitstreiterin schwächelt, also wird heute nacht kein Sekt mehr gekippt. Dafür morgen gut Frühstücken gehen - macht ja ausgeschlafen und nicht verkatert mehr Spaß ;-)

Montag, 5. März 2007

Einmal Berlin, bitte!

Freitag, die Uhr zeigt kurz nach Sechs. Wenn ich denn darauf schauen würde und nicht hektisch aus dem Bett springen und planlos chaotisch durch die Gegend wuseln würde im festen Glauben, ich hätte verschlafen. Ich glaube, ich habe geträumt, daß ich verschlafen hätte. Der Irrtum fällt mir auf, als ich hektisch die Rolladen nach oben zerre und mich frage, seit wann es vormittags noch dunkel draußen ist. Tief durchatmen, auf die Uhr schauen und noch eine Stunde ins Bett kuscheln bevor es heißt: waschen, packen, warten. Der einzige Mensch, der immer pünktlich vor dem Haus steht wenn er mich abholen soll, ist auch dieses Mal pünktlich. Bis auf einen Stau freie Fahrt und die Unterhaltung mit der anderen Mitfahrerin auf der Rückbank ist angenehm bis sehr lustig - gleiche Wellenlänge eben.

Ein Mädel irgendwo in Berlin absetzen, eine Hotellobby inspizieren und gefühlte fünf Kilometer vom Restaurant Zoe parken. Anderthalb Stunden später darf ich dann endlich meine Gastgeberin kennen lernen. Lebend übrigens. Eine warme, herzliche Frau, in deren Gegenwart ich mich sofort wohl fühle. So kommt es, daß der Unkreative uns vor ihrer Praxis absetzt und wir "nur eben" noch einen Tee trinken wollen. Aus einem Tee werden mehrere und wir unterhalten uns bis kurz vor zwei. Ein sehr interessantes Gespräch und jemand, der uns zugehört hätte, wäre vermutlich nicht auf die Idee gekommen, daß wir uns zum ersten Mal gegenüber sitzen. Vielen Dank dafür, Du hast mir einiges klar gemacht. Und ich bin ganz verliebt darin, wie Du mit diesem schönen französischen Akzent "Mirtana" sagst ;-)

Der nächste Morgen kommt viel zu schnell, das Handy klingelte mich wach und im Halbschlaf drückte ich Mauzi erst einmal weg. Irgendwie komme ich doch noch aus dem Bett, Mauzi kriegt mich auch am Telefon und lotst mich per Handy durch die Stadt zum Treffpunkt. Am U-Bahnhof, wo ich in die nächste Linie umsteigen sollte, stellen wir dann fest, daß wir uns beide dort befinden und nach ein bißchen herumirren finde ich auch den Weg durch das unterirdische Labyrinth. Wir begeben uns zur Museumsinsel, laufen über einen Künstlermarkt, streifen durch Museen, bewundern den Fernsehturm aus verschiedenen Perspektiven, gehen lecker chinesisch essen und verwerfen den Plan, den Springbrunnen aus dem Chinarestaurant zu entwenden, lachen und quatschen miteinander. Noch eine Tasse Tee, ein wenig frisch machen und dann von Wedding zum Treffen fahren. Meine Füße fühlen sich an als ob sie einem großen, grauen Tier mit Rüssel gehören würden.

Meine Füße sind mir sehr dankbar, daß sich mein restlicher Körper auf einem Stuhl niederläßt. Jean-Claude (hab ich das jetzt richtig geschrieben?), der Besitzer des kleinen Etablissement in dem wir uns treffen, erklärt das Baukastensystem mit den drei Menüs und da ich als verfressene Deutsche mit viel Hüftspeck größere Portionen gewöhnt bin, behelfe ich mir schlicht und ergreifend mit einem zweiten Stück Käsekuchen zum Nachtisch und satt werden. Sehr skeptisch versuche ich es mit der Entenleber, die irgendwie gar nicht nach dem Zeug schmeckte, das mir in meiner Kindheit unter dem Begriff serviert wurde. Gut schmeckt es, wenn auch ungewohnt (wir erinnern uns? Verfressene Deutsche und so?) wenig auf dem Teller.

Es ist nett und aufschlußreich, alte Gesichter wieder zu sehen und neue Gesichter kennen zu lernen. Sehr schön, daß wenigstens noch ein Rollenspieler am Tisch sitzt, mit dem man sich in Fachchinesisch unterhalten kann. Von Marcel erfährt man einiges von dem Warum und Wieso das mit der Meinungsfreiheit in Deutschland nicht mehr so ganz zu funktionieren scheint. NBerlin mag ich auf Anhieb und bewundere heimlich die Art und Weise, wie sie ihr Leben meistert (und diese schönen, lockigen Haare). Viel zu kurz, auch wenn die letzten, zu denen zwei Berliner, zwei Nordlichter, ein Münsteraner und ein Ruhrgebiet-Rheinland Abklatsch gehören, um halb vier oder so mehr oder weniger aus dem Laden gefegt werden. Oder höflich ausgedrückt: wir gönnen dem armen Jean-Claude seinen wohl verdienten Feierabend. Und um kurz nach vier endlich: mein Schlafsack.

Ich muß das mit dem Früh-Aufstehen hinbekommen haben, denn als Mauzi und die Anfängerin klingeln, hänge ich kopfüber im Waschbecken und habe Shampoo in den Haaren. Noch eine Tasse Tee für die beiden Damen, Shampoo aus den Haaren waschen und dann gehen wir gemeinsam frühstücken. Das Fitneß-Frühstück sieht gesund aus und scheint vor Vitaminen zu strotzen, so wirklich fit macht es mich allerdings nicht. Es lag bestimmt daran, daß mir Mauzi mein Vollkornbrötchen mopst. Die Anfängerin macht sich auf den Weg zum Bahnhof, kurz darauf auch Mauzi und ich beschließe kurzerhand, die zwei Stunden bis mich der Unkreative wieder einsammelt für die Rückfahrt, mit Schlaf zu vergeuden. Todmüde aber glücklich lasse ich mich vor meiner Haustüre absetzen, schaue noch kurz "Findet Nemo" und erzähle in Stichworten das Wochenende bevor ich in mein Bett schlurfe und lange schlafe.

Donnerstag, 22. Februar 2007

Noch neun Tage

Dann sehen wir uns in Berlin. Ich fahr nämlich hin. Das heißt, jemand anderes fährt und nimmt mich mit. Ich freu mich! Kommt sonst noch wer zum Bloggertreffen?

Montag, 5. Februar 2007

Wochenend-Notizen

Samstag um sechs klingelt mein Wecker. Ich stehe nach drei Stunden Schlaf senkrecht im Bett. Körperlich wach, geistig noch im Tiefschlaf. Jetzt bloß nicht wieder einschlafen, also aufstehen und das Kunststück vollbringen, mit Hirn im Tiefschlaf Tee kochen, Sachen einpacken, duschen und anziehen. Um 8.14 Uhr fährt mein Zug nach Dortmund. Das schafft auch nur Verwandtschaft, mich an einem Samstag um die Uhrzeit nicht nur aus dem Bett, sondern gleich auch noch aus dem Haus zu treiben. Wie gut, daß der Bummelzug die Regionalbahn in Dortmund Endstation hat, also Musik auf die Ohren und friedlich vor mich hingedöst. Die Entscheidung, doch besser einen Zug früher los zu fahren war goldrichtig, wäre ich mit der Bahn eine Stunde später gefahren, hätte ich meinen Anschluß verpaßt. Die Regionalbahn ist oft zu spät in Dortmund und wird gerne mal auf Warteschleife geschoben. So habe ich eine Stunde Aufenthalt, die ich dazu nutze, erst mal eine halbe Stunde um die Buchhandlung zu schleichen und dann doch schwach zu werden. "Der Zahir" von Paulo Coelho begleitet mich jetzt nach Braunschweig. Ab in den IC, Platz gesucht, ausgebreitet, Musik an und Buch aufgeschlagen.

Wir haben sechs Minuten Verspätung als der Zug Hannover verläßt. Eine Viertelstunde vor Ankunft sammel ich meinen Kram ein und stehe an der Tür, mit der Nase am Fenster der Zugtüre klebend. Verdammt, es ist lange her, daß ich hier war und alles erscheint vertraut auch wenn ich nicht mit dem Finger auf etwas deuten und sagen könnte: "Kenn ich!" Ganz kurz zuckt mir der Gedanke, ob mein Cousin mich überhaupt wieder erkennt und ich ihn, durch den Kopf. Wenn nicht, dann laß ich ihn halt ausrufen, denke ich mir. Ganz langsam rollt der Zug jetzt am Bahnsteig entlang. Plötzlich rufe ich "Da isser!" und ernte erstaunte Blicke von ebenfalls austeigen wollenden Fahrgästen. Ich stehe auf dem Bahnsteig, brülle den Namen meines Cousins, winke und dann werd ich erstmal feste in den Arm genommen. Gut sieht er aus und er hat immer noch den Schalk in den Augen. Wir fahren in das Dorf vor Braunschweig und unterhalten uns, als hätten wir uns erst gestern zum Kaffee gesehen. Er hat einen ähnlich schwarzen Humor wie ich und wie früher verstehen wir uns auf Anhieb.

Meine Familie, die sich dafür entschieden hat, mit dem Auto zu fahren, ist bereits eingetroffen. Ich werde von einer Umarmung zur nächsten gereicht, man freut sich wirklich, daß ich da bin. Ein schönes, warmes Gefühl im Bauch. Es gibt viel zu erzählen, Cousin und Cousine wuseln durch die Gegend, mein Onkel ist ziemlich grau geworden und Tantchen immer noch so zierlich, wie ich sie in Erinnerung habe. Tantchen schneidet den Kuchen, ich bekomme einen Orangensaft und lasse mir von meinem Vater erzählen, was er zu Hause zu renovieren hat und wie es mit dem Gartenverein läuft. Manch einer mag es als albern empfinden, ich finde es schön und gut, daß er etwas zu tun hat was ihm Freude bereitet und Anerkennung bringt. Vater und ich hatten schon immer dieses Verhältnis, daß wir über alles reden können aber für einen Außenstehenden sehr kühl und distanziert wirken. Den dummen Spruch meines Bruders, ob ich etwa schwanger sei, konter ich einfach mit "Heute auch wieder ohne Intelligenz aus'm Haus gegangen?" Cousin grinst, Tantchen und Vater lachen, meine Mutter guckt giftig und meinem Bruder verschlägt es die Sprache.

Die Rostocker erscheinen, es gibt Kaffee, Kuchen und Torte. Schokoladentorte, sehr lecker und sehr mächtig. Ich ignoriere die Blicke, die immer kommen wenn ich ein zweites Stück Torte haben will. Ich mag Torte und danach frage ich, ob ich den Hund mitnehmen kann. Mal eben ein bißchen laufen, Beine vertreten und Torte abtrainieren. Tantchen erwidert mein selbstironisches Grinsen mit einem herzhaften Lachen und instruiert mich, den Hund kurz zu halten wenn andere Rüden auftauchen. Alles klar, ich werd den Teufel tun, einen reinrassigen Jagdhund, der beim Anblick eines Kaninchens alles vergißt, von der Leine zu lassen. So stapfe ich, nur mit einer dicken Strickjacke bekleidet, in den grauen Tag hinaus. Tantchen wohnt direkt am Feld und ich laufe gedankenverloren hinter dem Hund her. Hoch bis in den Wald, kreuz und quer, packe den Hund am Halsband wenn uns ein anderer Rüde entgegen kommt und beim dritten Rüden hat er auch keine Lust mehr, den Angeber zu spielen. Irgendwann frage ich mich, wo ich hier eigentlich bin, mache mir aber keine Sorgen. Der Hund ist ein Münsterländer und verfressen genug, um pünktlich zum Abendessen den Weg nach Hause zu finden. Jeder, der mir entgegen kommt, schaut mich an als wär ich ein Alien. Entweder sieht man mir an, daß ich nicht aus dem Dorf komme oder aber meine Strickjacke erweckt Argwohn, trägt doch jeder dicke Winterjacke, Schal und Mütze. So kalt ist es ja nun auch nicht, zeitweise hab ich die Strickjacke um die Hüften geknotet weil mir warm ist. Hund und ich haben einen ganz schönen Stechschritt drauf. Wieder zurück bekomme ich zu hören, daß man schon fast versucht war, eine Suchmeldung aufzugeben, weil ich ja nur eine Strickjacke anhätte und schon so lang weg wäre. Ich muß lachen, wenn ich "mal eben" mit dem Hund rausgehe, dann dauert das halt mal was. Zwei Stunden war ich weg, kam mir allerdings gar nicht so vor.

Erst trifft das Essen und kurz darauf die Gäste ein. Einige kenne und erkenne ich wieder, andere sind mir unbekannt. Es ist lustig und auch wenn mir das Pils in der Nacht böses Sodbrennen bereiten wird, ich trink es trotzdem. Auch wenn ich meinem Cousin hinter her rennen muß, damit er mir eins zapft. Ich beobachte, wie er mit seiner Schwester umgeht und komme nicht umhin, die beiden für ihr gutes Verhältnis zueinander zu beneiden. Sie zoffen sich wie andere auch und halten trotzdem zusammen wie Pech und Schwefel. Ich dagegen kriege nicht mal ein Gespräch mit meinem Bruder auf die Reihe. Er war schon immer ein schweigsamer Zeitgenosse und ich komme mir vor, als würde ich gegen die Wand reden. Schade eigentlich, doch wenn man bedenkt, wie wir im Gegensatz zu meiner Cousine und meinem Cousin aufgewachsen sind, verständlich. Da ist viel Porzellan zerschossen worden, was sich nicht einfach zusammen setzen läßt. Dafür kann ich mich in einer ruhigen Minute sehr gut mit meinem Cousin unterhalten und ich stelle fest, er ist verdammt ehrlich und sagt, was er denkt. Wir sind uns ähnlicher, als man auf den ersten Blick vermuten würde, und ich muß grinsen, als ich in seiner DVD-Sammlung die Filme entdecke, die auch bei mir so herumstehen. Wir beschließen, zum einen mehr in Kontakt zu bleiben und zum anderen eine Blade-Nacht zu veranstalten, wenn ich das nächste mal komme - möglichst nicht erst wieder in fünf, sechs Jahren.

Gegen vier Uhr verschwinden auch die letzten im Bett, das Haus ist rappelvoll mit Übernachtungsgästen. Die "Kinder" sind bei meinem Cousin im Zimmer einquartiert. Mein Bruder darf im Bett schlafen, Cousinchen läßt mich im allein mit den Jungs und zieht ins Wohnzimmer, die Jungs blödeln noch rum und um halb fünf schlafe ich auf der Luftmatratze ein. Irgendjemand schnarcht und ich bin es ausnahmsweise nicht. Gegen halb zehn kriechen wir alle aus den Betten, Frühstück im Wohnzimmer. Gegen eins fahren die Rostocker und meine Eltern, ich bleibe als einziger Übernachtungsgast noch über und helfe beim Aufräumen. Noch einen Teller Suppe, das gibt Kraft, ein Schwätzchen mit dem Cousin und eine Stunde schlafen. Dann heißt es Abschied nehmen, mich noch einmal feste umarmen lassen und schon fährt Tantchen mich zum Bahnhof. Es wird eng, irgendwie klappt das mit der Parkplatzsuche nicht so ganz und ich lasse mich vor dem Bahnhof aussetzen. Tantchen ist ein wenig betrübt, wäre doch gerne noch mit zum Bahnsteig gekommen. Ich haste zum Bahngleis 6, erwische gerade noch so meinen IC und bin vier Stunden später wieder zu Hause. Total müde und mit der Erkenntnis, daß ich zu alt werde um ein Wochenende mit wenig Schlaf und viel Aktion hinter mich zu bringen. Bett fallen, schlafen und mich freuen, daß wir uns alle im Mai wiedersehen, wenn Vater sechzig wird.

Samstag, 11. November 2006

Ein "Mirtana-Zwischenfall"

Was soll das denn jetzt wieder sein? Und da ich diesen Ausdruck nicht geprägt, geschweige denn benutzt habe, kann ich nur wiedergeben, in welch einer Situation ein solcher Ausdruck fallen könnte. Im Grunde genommen also eine Situation, in der jeder mit dem Kopf schüttelt und mitleidig murmelt "Typisch Mirtana!" Jetzt hat das also einen amtlichen Ausdruck.

Da bin ich gestern abend (genauer gesagt war es schon heute früh) irgendwann nach dem Rollenspiel so gegen zwei, halb drei ins Bett gekrochen, um die paar Stunden Schlaf zu genießen, die mir noch vergönnt waren. Um sieben sollte brav mein Wecker klingeln - und das auch noch einem Samstag. Wer mich kennt, weiß auch, daß ich ein Nachtschattengewächs bin und generell Samstags nicht vor zwei Uhr aus meinem Bett krieche. Ich muß den Weckruf meines Handys auch wahrgenommen haben, ich kann mich nur nicht mehr daran erinnern. Kommt bei mir ja mal vor. Als ich panisch aus dem Schlaf schreckte, klebte mir das Handy an der Backe und ein Blick im Dunkel (!) auf ein erleuchtetes Display verriet mir, daß es schon kurz nach acht sei. Was ich ziemlich blöd fand, wollte ich doch um neun Uhr am Bahnhof sein um mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Duisburg zu gelangen.

Was will die Frau in Duisburg und dann noch zu einer Zeit, zu der sie für gewöhnlich noch schläft? Nun, die Frau war mit der SingleMama und dem Unkreativen samt Begleitung zum Mittagessen verabredet und geplant war, mich am Duisburger Hauptbahnhof einzusammeln. Da ich etwas panisch bin, was öffentliche Verkehrsmittel angeht und lieber einen Zug früher als später nehme, fand ich die Tatsache, daß es schon kurz nach acht sein sollte ... etwas unlustig. Also stürmte ich aus der Horizontalen Richtung Badezimmer, verfehlte dabei im Tiefflug knapp eine Türe und fand mich vor dem Spiegel wieder. Dort starrte mir der Tod auf Urlaub entgegen. Ich sah aus wie zerknitterte fünfzig und hatte die Abdrücke vom Handy an der Backe.

Geistig alles andere als wach ist es keine gute Idee, sich gleichzeitig die Haare waschen und dabei Zähne putzen zu wollen. Geht einfach nicht. Da ich sehr lange Haare habe, ist Waschen eine Prozedur, die mal locker flockig fünfzehn Minuten verschlingen kann - bei meiner Unkoordination am frühen Morgen noch länger. Mit der Zahnbürste im Mund, einem Bademantel an und einem Handtuch um die nassen Haare hüpfte ich meine Socken anziehend wieder zurück ins Wohnzimmer und schaute noch einmal nach, wann meine Bahn genau fährt. Da stand sogar "voraussichtlich pünktlich!" unter der gewünschten Verbindung. Allerdings irritierte mich die Uhrzeit auf meinem Notebook. Da stand halb acht. Wie kann das halb acht sein, wenn ich um kurz nach acht panisch aus dem Bett gestürmt war? Bis es mir siedendheiß einfiel: ich hatte mein Handy ja gar nicht auf Winterzeit gestellt ...

Erstmal tief durchatmen, ich habe Zeit! Also in Ruhe anziehen, in Ruhe alles benötigte in die Tasche packen, Schuhe suchen, Schlüssel suchen, Regenschirm aus dem Schrank kramen und nebenbei die letzten fünf Müslikekse vernichten. Ich kam pünktlich zum Bus und war einigermaßen pünktlich am Bahnhof. Menschenleer, außer mir niemand zu sehen. Da stand ich in einem Wartehäuschen, das nicht mal die Bezeichnung Häuschen verdient und wartete. Und wartete. Naja, vielleicht war die S-Bahn mal wieder überpünktlich und du hast sie trotzdem verpaßt. Dachte ich. Ich dachte auch, daß in ein paar Minuten ja der Regionalzug nach Essen kommen müßte. Der kam auch nicht. Es war windig, es war kalt und es regnete. Ich hatte noch keinen schwarzen Tee, ich war geistig nicht wirklich da und dachte mir, daß ich ja auch mit dem Zug nach Oberhausen und von da nach Duisburg fahren könnte. So guckte ich desinteressiert zu, wie eine Diesellok Güterwaggons umherschob und im Weichenhäuschen jemand hinter trüben Glasscheiben hin und her tigerte. Ich wartete auf den Zug nach Oberhausen. Auch dieser kam nicht.

Um viertel vor zehn knackte es in den Lautsprechern und ich hörte "Verehrte Reisende, aufgrund von Wartungsarbeiten verkehren heute keine Züge zwischen Gladbeck West und Bottrop. Die Busse des Schienenersatz-Verkehres halten auf dem Bahnhofsvorplatz." Ich könnte trotz der Entfernung darauf schwören, der Kerl in seinem Weichenhäuschen hatte ein widerlich böses Grinsen im Gesicht. Sein Glück - es lagen mindestens fünfzehn Gleise zwischen mir und ihm. Ich fluchte. Laut. Und ging mit meinem Regenschirm Richtung Bahnhofsvorplatz - nur um festzustellen, der Bus fuhr nur zweimal die Stunde. Und den letzten hatte ich um fünf Minuten verpaßt. Mir war danach, meine klammen Finger um den Hals eines Bahnangestellten zu legen und böse Dinge mit seinen Wirbeln zu veranstalten. Wütend bis in die Haarspitzen latschte ich zur nächsten Telefonzelle und hinterließ eine vermutlich sehr wirre und hysterische Nachricht auf einer Mailbox, daß ich elf Uhr am Duisburger Hbf wohl nicht schaffen würde.

Zehn Minuten nach zehn fuhr der Bus ein, der mich nach Bottrop Hbf transportieren sollte. Vollbepackt. Zur Hälfte mit Rentnern und zur anderen Hälfte mit besoffenen Möchtegern-Karnevalisten, die zwanzig Minuten lang versuchten den Text von "Mer lasse de Dom in Kölle" zusammen zu basteln. Leider war es zu eng, um mit dem Regenschirm wild um mich zu schlagen. Besoffene schon um kurz nach zehn, den Geruch möchte man auf leeren Magen unbedingt in der Nase haben.

Mein Handy klingelte. Eingekeilt zwischen den sehr besoffenen (und ausnahmsweise mal stillen) Möchtegern-Karnevalisten erklärte ich der Hysterie nahe, warum ich es nicht zum verabredeten Zeitpunkt nach Duisburg schaffen würde. Der Mann mit dem Panzer ist im Grunde ein sehr freundlicher Mensch, er ließ mich nicht allzu lange in Bottrop am Hbf herumstehen. Obwohl es ein interessantes Experiment wäre: wie lange braucht Mirtana, um zum hysterischen Eisklotz zu erstarren?

Die gerettete Inhaberin dieses Blogs taute im Panzer ihre erfrorenen Finger allmählich auf, während der freundliche Held des Morgens seinen Panzer Richtung Diebels-Brauerei lenkte. Während seine Begleitung sich auf der Rückbank mit mir unterhielt, hörte ich nur noch den ins Handy gesprochene Satz: "Wir sind schon ein wenig früher dort, wir hatten einen Mirtana-Zwischenfall" ... Okay. Ich bin ein Zwischenfall. Ob sich mein Vater das auch gedacht hat, als er erfuhr, daß ich mich im Bauch meines Mutterdrachen gemütlich einrichtete?

Hübsch dort in Issum, wenn auch janz weit draußen. Auf der Eingangstür prangte ein Schild mit der Aufschrift Reeperbahn und das Interieur ließ eher vermuten, daß man in einem rotsamtenen Puff gelandet sei. Nettes Motto, das mich dazu brachte, ständig auf die leichtbekleideten Damen zu warten. Es kamen keine. Dafür lecker Salat und ein wenig später auch die SingleMama ohne schmerzenden Zahn. Die ich mir ganz anders vorgestellt hatte. Irgendwie größer.

Es hat Spaß gemacht mit Euch und ich freue mich darauf, Euch in Köln wieder zu sehen. Auch wenn ich mich jedesmal frage, welches ritterliche Gen in dem Mann mit dem Panzer stecken muß, daß er mich jedesmal nach Hause fährt auch wenn ich so sarkastisch-böse zu ihm bin. Und ich glaube, das ist eine der Fragen, auf die ich besser keine Antwort haben möchte ... Vielen Dank für einen schönen Nachmittag!

Montag, 9. Oktober 2006

Frau Mirtana fährt Fahrrad

Ein Montagmorgen, an dem man verärgert aufsteht, weil wieder jemand nicht in der Lage war, die von der eigenen Behörde ausgegebenen Formulare richtig zu lesen, kann ja nur schief gehen. Mißmutig aus dem Bett gekrochen, brummelnd die erste Tasse Tee des Tages zu mir genommen und fest gestellt, daß draußen die Sonne scheint. Da wir seit einigen Wochen wieder in Besitz eines Fahrrades sind, nur kurz nachgedacht und beschlossen, der Vestischen keine 4,20 € in den Rachen zu schmeißen, sondern zu radeln.

Vielleicht hätte ich mir den Drahtesel vorher genauer anschauen sollen. Er machte einen sehr grazilen Eindruck mit seinen schmalen Reifen und ich könnte schwören, er hat ein leises Ächzen von sich gegeben als ich ihn von seinem Schloss befreite. Skeptisch beguckten Drahtesel und ich uns gegenseitig. "Nun gut, wenn du deinen Dienst auch nicht unter meiner noch gewichtigeren besseren Hälfte verweigerst, solltest du bei mir ja auch keine Mucken machen?" munterte ich den Drahtesel auf. "Wie meinen Sie?" ich hatte den Postboten übersehen, der mich belustigt anschaute. Ich stotterte irgendetwas unverständliches, wünschte dem breit grinsenden Postboten noch einen schönen Tag und radelte von dannen.

Ich hatte seit gut zwei Jahren nicht mehr auf einem Fahrrad gesessen, was ich anfangs nicht wirklich bemerkte - die Strecke ging ganz leicht bergab und so rollte ich mehr als das ich wirklich aktiv radelte. Nach einem kleinen Zwischenstop bei meiner Bank und der etwas entnervten Feststellung, daß immer noch kein Geld da war, bewegten Drahtesel und ich uns zur Behörde meines Vertrauens. Ewig lange Schlange. Was Menschen dazu treibt, gleich alle sieben Kinder mit zur ARGE zu schleppen, entzieht sich meines Verständnisses - zumal keines der älteren in der Lage schien, für Mutter übersetzen zu können. So stand den ein hilfloser Bär von Mann mit einem Haufen falsch ausgefüllter Formulare und versuchte verzweifelt, sich über Kindergebrüll der Mutter verständlich zu machen und alles, was er für seine Mühe bekam war ein "Ich nix verstehn!" Ja nee, iss klar ...

Vor mir der Herr lief dann auf einmal puterrot an und brüllte Obszönitäten durch die Gegend, die ich hier nicht wiederholen möchte. Worum genau es ging erschloß sich mir leider nicht, allerdings amüsierte er damit die gut drei dutzend Menschen hinter mir. Unter schallendem Gelächter verließ er dann im Stechschritt den Ort seiner Niederlage und ich durfte der Dame am Infotresen mein Problem schildern, nachdem wir beide aufgehört hatten, hysterisch zu kichern. Sie schaute in ihrem Rechner nach, guckte dann etwas betreten und erklärte mir, daß wohl einem Sachbearbeiter ein Fehler unterlaufen sei, entschuldigte (!) sich bei mir für die Unannehmlichkeit und teilte mir mit, daß mein Geld verspätet letzte Woche rausgegangen sei und entweder heute oder morgen mittag auf meinem Konto landen müßte. "Gut, wenn nicht dann komm ich Mittwoch wieder und schrei hier auch ein bißchen rum. In Ordnung?" sagte ich mit einem Zwinkern und erntete ein Grinsen. Gut gelaunt - denn eine Entschuldigung und einen zugegebenen Fehler bekommt man von denen nur einmal im Jahr, wenn überhaupt - radelte ich zurück zur Bank und siehe da, es war Vormittag und das Geld da.

Einen Abstecher ins Lieblings-Cafe Old Town, gemütlich frühstücken, Zeitung lesen und in guter Laune baden. Ein wenig übermütig beschlossen, doch dem Drahtesel noch ein wenig Auslauf zu gönnen und gut gelaunt die Landstraße runter gefahren. Nun ist diese Straße nicht nur voller Schlaglöcher, sondern geht auch stetig abwärts ... Was natürlich unheimlichen Spaß macht, wenn man nicht viel dafür tun muß um durch den sonnigen Tag zu flitzen. Der Haken ging mir erst auf, als ich am Ende der Straße angelangt war. Da ich nun in die entgegen gesetzte Richtung gefahren war in die ich gemußt hätte, durfte ich den ganzen Weg auch wieder hoch strampeln. Ich erwähnte bereits, daß ich seit zwei Jahren kein Fahrrad mehr gefahren bin?

Ich wäre nicht ich, wenn ich nicht einen Weg gefunden hätte, mich davor drücken zu können. So bin ich kurzerhand in einem riesigen Bogen außen herum gefahren - machte die Steigung erträglich und ich sah Seiten dieser achtzigtausend Seelenstadt, die ich bis dato noch gar nicht kannte. Ein bißchen ärgert es mich, daß ich keine Kamera besitze - das Licht wäre einfach ideal gewesen für Fotos. Nun ja, kann man nichts dran ändern. Zwischenzeitlich hatte ich mich verfahren und überhaupt keine Ahnung mehr, wo ich jetzt bin, doch wofür gibt es die Schornsteine des Kraftwerks Scholven, die einem wie große Finger den Weg weisen. Gelandet bin ich letztendlich beim Supermarkt um die Ecke, wo ich noch ein bißchen Geld für Ware tauschte und mir von einer telefonierenden (!) Oma der Einkaufswagen in die Hacken gerammt wurde. Die Oma hielt mir dann auch noch, immer noch mit Handy am Ohr, einen Vortrag darüber, daß man doch nicht einfach so im Weg herumstehen kann ... Ich schoß zuckersüß zurück, daß ich für gewöhnlich nicht im Tiefflug an Regalen vorbei zu segeln und die von mir gewünschte Ware nebenbei aufzusammeln pflege.

Ungeübt ein paar Stunden durch die Gegend radeln hinterläßt Spuren. Abgesehen von der schmerzenden Hacke beschwert sich mein Allerwertester und die Oberschenkel-Muskulatur. Peinlich, peinlich - als mein Fahhrad noch der einzige Weg für mich war, von A nach B zu gelangen, machte es mir nichts aus, mal eben fünfzehn Kilometer bis zur nächsten Eishalle zu radeln oder mit dem Fahrrad bis nach Leverkusen am Rhein entlang zu fahren. Wenigstens hab ich der Vestischen keine 4,20 € in den Rachen werfen müssen ... Und ich sollte öfter mit dem Fahrrad fahren, spart Geld. Vielleicht tuts dann auch irgendwann nicht mehr so weh ...

Donnerstag, 22. September 2005

Blau gemacht

Genau das habe ich gestern getan, blau gemacht. Der Himmel strahlte so vertrauenerweckend in schönstem Blau, das Licht leuchtete golden durch Bäume, die bereits beginnen, ihren Herbstschmuck anzulegen, daß ich mir dachte "Och nö, heute mal nicht". Also bummelte ich erst durch Buer, begutachtete Schaufenster, ging durch Geschäfte und wünschte mir einen siebenstelligen Betrag auf meinem Konto und genoß in einem Café ein zweites Frühstück während ich in Ruhe die Zeitung las. Leben kann so schön sein wenn draußen die Sonne scheint, der Kakao auf dem Tisch vor sich hindampft und dabei seinen unwiderstehlichen Duft verbreitet.

Nach zwei Stunden hatte ich die Zeitung durch, den zweiten Kakao hinter mir und mein Magen war mit lecker herzhaften Crepés gefüllt. Übermütig beschloß ich, es sei doch mal an der Zeit, ganz typisch weiblich, eine neue Handtasche (ich besitze mittlerweile nämlich nur noch eine, die andere hat vor zwei Wochen den Geist aufgegeben) käuflich zu erwerben. Mit diesem Ziel vor Augen bummelte ich erneut durch die Geschäfte und ignorierte die Verlockungen rechts und links sehr standhaft. Ich fand auch eine, die mir gefiel. Einfach gehäkelt, sah äußerst stabil aus und vor allem machte sie den Eindruck, als könne sie den halben Hausrat, den Frauen ja mit Vorliebe in ihrer Handtasche unterbringen, ganz locker fassen. Der Blick auf das Preisschild ließ mich schwindeln, die wollten dafür 119,90 € haben. Schweren Herzens hängte ich das schöne Stück also wieder weg und ging geknickt meines Weges. Da will ich schon mal etwas typisch weibliches käuflich erwerben und dann wollen die gleich einen Preis dafür, der mich fragen läßt "Ja hallo, ich wollte nicht den ganzen Laden kaufen?!"

"Eigentlich," dachte ich leise vor mich hin, "könntest du das ja auch selber machen, so schwer kann es ja nicht sein." Häkeln habe ich schließlich von Mama gelernt (auch wenn sie nachher die als Geburtstagsgeschenk für Oma geplanten Topflappen selber fertigstellen mußte, weil das bockige Fräulein Tochter nach zehn Reihen keine Lust mehr hatte). Und was braucht man zum Häkeln? Wolle und Häkelnadel. In der irrigen Annahme, dies in einer wirklich großen Einkaufsstraße auch irgendwo finden zu können, zog ich also frohen Mutes wieder los. Doch Buer verfügt, ebenso wie Gladbeck und Horst, über keinerlei Handarbeitsläden. So verband sich meine Suche nach geeigneter Wolle für mein ehrgeiziges Projekt mit einer Sightseeing-Tour durch das Ruhrgebiet. Sehr schön, ich habe wunderschöne, kleine und gemütliche Cafés gefunden, war erstaunt über die Vielzahl der Teegeschäfte und Bastelläden, kenne jetzt sämtliche Fußgängerzonen in den umgebenden Städten, besitze ein neues Notizbuch für unterwegs, habe von Bus und Bahn aus wunderschöne kleine Parks entdeckt und bin schlußendlich in Haltern fündig geworden.

Schon erstaunlich, was eine an und für sich schnapsige Idee (ich und Handarbeiten ...) für einen schönen Tag nach sich ziehen kann. Dementsprechend entspannt und gut gelaunt kam ich auch nach Hause, fiel der besseren Hälfte um den Hals, der mühsam um sein Gleichgewicht rang, ließ mir eine Tiefkühlpizza in unserem neuen Öfchen (weiß jemand, wo man günstig eine Elektro-Kochplatte herbekommt?) zubereiten und fiel danach auf das Sofa, wo ich meine Häkelnadel zückte, den wie immer laufenden Fernseher vollkommen ausblendete und damit begann, mein Projekt Wirklichkeit werden zu lassen ... Nun habe ich in den langweiligen Englisch-Stunden, die ab nächsten Montag folgen werden hier, wenigstens etwas zu tun. Auch wenn der Herzallerliebste ganz schnell das Weite suchte, eine mit Häkelnadeln und Wolle hantierende Maus war ihm dann doch zuviel.

Montag, 15. August 2005

Gasometer Oberhausen

gasometer 02
Da war ich heute. Ich übergab meine bessere Hälfte in die treusorgenden Hände seiner Mitbewohner, nahm ein bißchen Kleingeld mit und fuhr mit dem Bus ganz gemütlich ins Centro nach Oberhausen. Ich mag Busfahren, wenn ich keine wichtigen Termine habe, wo mein pünktliches Erscheinen gefragt ist. Ich gehöre nicht umsonst zu den Menschen, die lieber zwei Busse früher fahren, weil mindestens immer einer ausfällt wenn man umsteigen muß.

Wenn ich Zeit habe, dann sitze ich gerne im Bus. Es ist ein bißchen wie Kino, während dieser knappen Stunde fährt man durch verschiedene Viertel, an jeder Haltestelle steigen Menschen ein und aus. Sie lachen, sehen traurig aus, diskutieren angeregt mit anderen, unterhalten sich lautstark durch den ganzen Bus, schauen still aus dem Fenster, spielen mit ihren Kindern, schweigen sich an, streiten sich, telefonieren, flirten. Am liebsten sitze ich in der letzten Reihe, schaue aus dem Fenster und nehme die verschiedenen Viertel wahr, sehe die herunter gekommenen Mietskasernen, die schmuck renovierten Zechenhäuser, die häßlichen Neubauten, die schönen Altbauten mit den altmodischen Schaufenstern. Es ist eine Fahrt durch die Geschichte des Ruhrgebiets, sie erzählt von Aufstieg und Fall, Stetigkeit und Wandel.

gasometer 01Das Centro strahlt dieses Flair von Einkaufen, Vergnügen und kulinarischer Genuß in einem aus. Sonntags sind die Geschäfte geschlossen, dennoch sind trotz des Wetters viele Menschen dort. Reisegruppen, Familien mit Kindern, Rentner, verliebte Pärchen. Das Centro ist ein Zeichen für den Wandel in dieser Region, ein glänzendes, schillerndes, buntes Zeichen. Restaurants mit den verschiedensten Angeboten aus den Küchen der Welt, edle Cafes, teure Nachtbars, Diskothek, Einkaufen in großzügigen und teuer ausschauenden Geschäften, Kino, Musical, Fastfood - alles unter einem Dach. Eine Welt für sich, die dazu verlockt möglichst viel Geld auszugeben. Das Centro interessiert sich nicht für mich. Jeans, Turnschuhe, T-Shirt und Strickjacke signalisieren "Kein Geld". Es beruht auf Gegenseitigkeit, mich interessiert dieser graue, 117,5 Meter hohe Koloss, der majestätisch am Rande dieser Anlage thront, nicht die glitzernde Verlockung hinter Glasfassaden.

Ich bummel gemütlich an Restaurants und Cafes vorbei, passiere den zum Centro gehörenden Busbahnhof und tauche unter der Eisenbahnbrücke hinweg, hinaus aus dem Treiben der vielen Menschen. Für drei Euro darf ich hinein, darf eintreten in die Welt hinter Metallblechen und Stahlträgern. Es ist ruhig und dämmrig im Innenraum, kaum Besucher. Über eine breite Stahltreppe gelangt man vom Eingangsbereich hinaus in die zweite Ebene. Ich lege den Kopf in den Nacken und schaue zur Decke. Kaum zu glauben, daß dies gut hundert Meter sein sollen. Sie sieht so nah aus. Erst im gläsernen Aufzug, der einen sanft entlang der Innenwand nach oben trägt, wird einem die Höhe richtig bewußt.

Auf der Aussichts-Plattform ist außer mir keiner. Es ist nicht das richtige Wetter, windig, kühl, naß und ungemütlich. Sehr gute Sicht hat es auch nicht. Verschwommen kann ich die Schornsteine der Phenol Chemie ausmachen, irgendwo in ihrem Schatten wohne ich zur Zeit noch. Ich wende den Kopf, suche den Tetraeder in Bottrop. Auch er zeigt sich heute nur verschwommen, ebenso wie die Essener Skyline. Selbst das Grün der Bäume, das sich in alle Himmelsrichtungen erstreckt, wirkt heute verwaschen. Wie lange ich dort oben war und auf das Ruhrgebiet gestarrt habe, das mir zu Füßen liegt, weiß ich nicht mehr.

Es tut gut, dort oben zu stehen und ein bißchen "Über den Wolken" ohne Flugzeug zu spielen. Es macht den Kopf frei, der Wind weht meine Sorgen davon und von hier oben sieht kein Hindernis mehr bedrohlich aus. Ein bißchen widerwillig trenne ich mich schließlich von dem grauen Riesen, es ist Zeit wieder auf den Boden der Tatsachen zurück zu kehren. Ich drehe mich noch einmal um und sage leise "Bis nächstes Mal".

Immanuel Kant:

"Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte."

deutscher Philosoph
(1724 - 1804)

In aller Kürze

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12. Jul, 15:30

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Kluge Worte ...

"Der beliebteste Fehler unter Leuten, die etwas absolut idiotensicheres konstruieren wollen, ist der, daß sie den Erfindungsreichtum von absoluten Idioten unterschätzen."
Douglas Adams,
britischer Schriftsteller


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"I don't know half of you as well as I should like, and I like half of you less than you deserve."
J.R.R. Tolkien,
Lord of the Rings


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“And all those exclamation marks, you notice? Five? A sure sign of someone who wears his underpants on his head.”
Terry Pratchett,
Mummenschanz

Disclaimer

Alle Texte, wenn nicht ausdrücklich anders angegeben, stammen aus meiner Feder. Die Texte dürfen gerne anderweitig verwendet werden, doch ich bitte darum, daß diese dann auch als "aus meiner Feder" kenntlich gemacht werden. Eine E-Mail, in der man mir mitteilt, warum und wo, freut mich, einen Back-Link erbitte ich mir ;-)

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