Samstag um sechs klingelt mein Wecker. Ich stehe nach drei Stunden Schlaf senkrecht im Bett. Körperlich wach, geistig noch im Tiefschlaf. Jetzt bloß nicht wieder einschlafen, also aufstehen und das Kunststück vollbringen, mit Hirn im Tiefschlaf Tee kochen, Sachen einpacken, duschen und anziehen. Um 8.14 Uhr fährt mein Zug nach Dortmund. Das schafft auch nur Verwandtschaft, mich an einem Samstag um die Uhrzeit nicht nur aus dem Bett, sondern gleich auch noch aus dem Haus zu treiben. Wie gut, daß der Bummelzug die Regionalbahn in Dortmund Endstation hat, also Musik auf die Ohren und friedlich vor mich hingedöst. Die Entscheidung, doch besser einen Zug früher los zu fahren war goldrichtig, wäre ich mit der Bahn eine Stunde später gefahren, hätte ich meinen Anschluß verpaßt. Die Regionalbahn ist oft zu spät in Dortmund und wird gerne mal auf Warteschleife geschoben. So habe ich eine Stunde Aufenthalt, die ich dazu nutze, erst mal eine halbe Stunde um die Buchhandlung zu schleichen und dann doch schwach zu werden. "Der Zahir" von Paulo Coelho begleitet mich jetzt nach Braunschweig. Ab in den IC, Platz gesucht, ausgebreitet, Musik an und Buch aufgeschlagen.
Wir haben sechs Minuten Verspätung als der Zug Hannover verläßt. Eine Viertelstunde vor Ankunft sammel ich meinen Kram ein und stehe an der Tür, mit der Nase am Fenster der Zugtüre klebend. Verdammt, es ist lange her, daß ich hier war und alles erscheint vertraut auch wenn ich nicht mit dem Finger auf etwas deuten und sagen könnte: "Kenn ich!" Ganz kurz zuckt mir der Gedanke, ob mein Cousin mich überhaupt wieder erkennt und ich ihn, durch den Kopf. Wenn nicht, dann laß ich ihn halt ausrufen, denke ich mir. Ganz langsam rollt der Zug jetzt am Bahnsteig entlang. Plötzlich rufe ich "Da isser!" und ernte erstaunte Blicke von ebenfalls austeigen wollenden Fahrgästen. Ich stehe auf dem Bahnsteig, brülle den Namen meines Cousins, winke und dann werd ich erstmal feste in den Arm genommen. Gut sieht er aus und er hat immer noch den Schalk in den Augen. Wir fahren in das Dorf vor Braunschweig und unterhalten uns, als hätten wir uns erst gestern zum Kaffee gesehen. Er hat einen ähnlich schwarzen Humor wie ich und wie früher verstehen wir uns auf Anhieb.
Meine Familie, die sich dafür entschieden hat, mit dem Auto zu fahren, ist bereits eingetroffen. Ich werde von einer Umarmung zur nächsten gereicht, man freut sich wirklich, daß ich da bin. Ein schönes, warmes Gefühl im Bauch. Es gibt viel zu erzählen, Cousin und Cousine wuseln durch die Gegend, mein Onkel ist ziemlich grau geworden und Tantchen immer noch so zierlich, wie ich sie in Erinnerung habe. Tantchen schneidet den Kuchen, ich bekomme einen Orangensaft und lasse mir von meinem Vater erzählen, was er zu Hause zu renovieren hat und wie es mit dem Gartenverein läuft. Manch einer mag es als albern empfinden, ich finde es schön und gut, daß er etwas zu tun hat was ihm Freude bereitet und Anerkennung bringt. Vater und ich hatten schon immer dieses Verhältnis, daß wir über alles reden können aber für einen Außenstehenden sehr kühl und distanziert wirken. Den dummen Spruch meines Bruders, ob ich etwa schwanger sei, konter ich einfach mit "Heute auch wieder ohne Intelligenz aus'm Haus gegangen?" Cousin grinst, Tantchen und Vater lachen, meine Mutter guckt giftig und meinem Bruder verschlägt es die Sprache.
Die Rostocker erscheinen, es gibt Kaffee, Kuchen und Torte. Schokoladentorte, sehr lecker und sehr mächtig. Ich ignoriere die Blicke, die immer kommen wenn ich ein zweites Stück Torte haben will. Ich mag Torte und danach frage ich, ob ich den Hund mitnehmen kann. Mal eben ein bißchen laufen, Beine vertreten und Torte abtrainieren. Tantchen erwidert mein selbstironisches Grinsen mit einem herzhaften Lachen und instruiert mich, den Hund kurz zu halten wenn andere Rüden auftauchen. Alles klar, ich werd den Teufel tun, einen reinrassigen Jagdhund, der beim Anblick eines Kaninchens alles vergißt, von der Leine zu lassen. So stapfe ich, nur mit einer dicken Strickjacke bekleidet, in den grauen Tag hinaus. Tantchen wohnt direkt am Feld und ich laufe gedankenverloren hinter dem Hund her. Hoch bis in den Wald, kreuz und quer, packe den Hund am Halsband wenn uns ein anderer Rüde entgegen kommt und beim dritten Rüden hat er auch keine Lust mehr, den Angeber zu spielen. Irgendwann frage ich mich, wo ich hier eigentlich bin, mache mir aber keine Sorgen. Der Hund ist ein Münsterländer und verfressen genug, um pünktlich zum Abendessen den Weg nach Hause zu finden. Jeder, der mir entgegen kommt, schaut mich an als wär ich ein Alien. Entweder sieht man mir an, daß ich nicht aus dem Dorf komme oder aber meine Strickjacke erweckt Argwohn, trägt doch jeder dicke Winterjacke, Schal und Mütze. So kalt ist es ja nun auch nicht, zeitweise hab ich die Strickjacke um die Hüften geknotet weil mir warm ist. Hund und ich haben einen ganz schönen Stechschritt drauf. Wieder zurück bekomme ich zu hören, daß man schon fast versucht war, eine Suchmeldung aufzugeben, weil ich ja nur eine Strickjacke anhätte und schon so lang weg wäre. Ich muß lachen, wenn ich "mal eben" mit dem Hund rausgehe, dann dauert das halt mal was. Zwei Stunden war ich weg, kam mir allerdings gar nicht so vor.
Erst trifft das Essen und kurz darauf die Gäste ein. Einige kenne und erkenne ich wieder, andere sind mir unbekannt. Es ist lustig und auch wenn mir das Pils in der Nacht böses Sodbrennen bereiten wird, ich trink es trotzdem. Auch wenn ich meinem Cousin hinter her rennen muß, damit er mir eins zapft. Ich beobachte, wie er mit seiner Schwester umgeht und komme nicht umhin, die beiden für ihr gutes Verhältnis zueinander zu beneiden. Sie zoffen sich wie andere auch und halten trotzdem zusammen wie Pech und Schwefel. Ich dagegen kriege nicht mal ein Gespräch mit meinem Bruder auf die Reihe. Er war schon immer ein schweigsamer Zeitgenosse und ich komme mir vor, als würde ich gegen die Wand reden. Schade eigentlich, doch wenn man bedenkt, wie wir im Gegensatz zu meiner Cousine und meinem Cousin aufgewachsen sind, verständlich. Da ist viel Porzellan zerschossen worden, was sich nicht einfach zusammen setzen läßt. Dafür kann ich mich in einer ruhigen Minute sehr gut mit meinem Cousin unterhalten und ich stelle fest, er ist verdammt ehrlich und sagt, was er denkt. Wir sind uns ähnlicher, als man auf den ersten Blick vermuten würde, und ich muß grinsen, als ich in seiner DVD-Sammlung die Filme entdecke, die auch bei mir so herumstehen. Wir beschließen, zum einen mehr in Kontakt zu bleiben und zum anderen eine Blade-Nacht zu veranstalten, wenn ich das nächste mal komme - möglichst nicht erst wieder in fünf, sechs Jahren.
Gegen vier Uhr verschwinden auch die letzten im Bett, das Haus ist rappelvoll mit Übernachtungsgästen. Die "Kinder" sind bei meinem Cousin im Zimmer einquartiert. Mein Bruder darf im Bett schlafen, Cousinchen läßt mich im allein mit den Jungs und zieht ins Wohnzimmer, die Jungs blödeln noch rum und um halb fünf schlafe ich auf der Luftmatratze ein. Irgendjemand schnarcht und ich bin es ausnahmsweise nicht. Gegen halb zehn kriechen wir alle aus den Betten, Frühstück im Wohnzimmer. Gegen eins fahren die Rostocker und meine Eltern, ich bleibe als einziger Übernachtungsgast noch über und helfe beim Aufräumen. Noch einen Teller Suppe, das gibt Kraft, ein Schwätzchen mit dem Cousin und eine Stunde schlafen. Dann heißt es Abschied nehmen, mich noch einmal feste umarmen lassen und schon fährt Tantchen mich zum Bahnhof. Es wird eng, irgendwie klappt das mit der Parkplatzsuche nicht so ganz und ich lasse mich vor dem Bahnhof aussetzen. Tantchen ist ein wenig betrübt, wäre doch gerne noch mit zum Bahnsteig gekommen. Ich haste zum Bahngleis 6, erwische gerade noch so meinen IC und bin vier Stunden später wieder zu Hause. Total müde und mit der Erkenntnis, daß ich zu alt werde um ein Wochenende mit wenig Schlaf und viel Aktion hinter mich zu bringen. Bett fallen, schlafen und mich freuen, daß wir uns alle im Mai wiedersehen, wenn Vater sechzig wird.