The Black Wolf's Den: Blutige Nasen
 

Dienstag, 25. September 2007

Blutige Nasen

Damals, als ich noch ein Teenager war und somit mitten auf der Schwelle zwischen Kind sein und Erwachsener stand, war ich ruhig, angepaßt, lieb. Kaum zu glauben, oder? Trotz allem war es so. Lauten Worten ging ich aus dem Weg, weil sie mir Angst machten. Hunde, die bellen, beißen nicht - es hat lange gedauert, das zu lernen. Ich war - und bin es noch - sehr gut darin zu verbergen, wann und ob mich jemand verletzt hat. Eben, zeig dem Gegner keine Blöße. Meist saß ich bei Zusammenkünften mit Verwandten, Bekannten, Freunden der Familie still irgendwo herum und hörte zu. Denn als Teenager wird man von den wenigsten Menschen ernst genommen. Erst recht nicht, wenn man anderer Meinung ist. Und das war ich meistens.

Nun, die Zeiten ändern sich. Ich hab mich geändert. Heute kann ich mich wehren. Lasse mich von polternden Worten nicht mehr einschüchtern, die mich verletzen sollen. Für jemanden, der mich lange nicht gesehen und gesprochen hat, mag diese Veränderung nicht offensichtlich sein. Für jemanden, der mit mir schon einmal aneinander geraten ist und definitiv den kürzeren gezogen hat, sollte sie offensichtlich sein ...

Schauplatz: ein Wohnzimmer. Fünf Personen sitzen um den Tisch im Wohnzimmer. Knabbereien in Schüsseln, Bierflaschen auf Untersetzern. Die Frage, was ich denn im Moment so mache. Bis dahin alles in Ordnung. Ich erzähle von meinem Job, vom Rollenspiel, von Büchern und Filmen, vom Yoga und vom Niederländisch-Kurs. Ich werde gefragt, warum ich denn ausgerechnet mit Niederländisch meine Zeit verschwenden würde, die Holländer würden doch ohnehin alle Deutsch sprechen. Da hätte ich mir ja auch was sinnvolleres aussuchen können ...

Ganz dummer Fehler. Erst recht, wenn man mir verbal weit unterlegen ist. Gibt eine ganz böse Klatsche. Wie man jetzt aber noch so dumm sein kann, mir freiwillig die rechte Wange hinzuhalten nachdem ich der linken schon meine Abdrücke verpaßt habe, entzieht sich meinem Verständnis. Ich meine, wie kann jemand ernsthaft glauben, ich würde eine solche Steilvorlage sausen lassen, wenn dermaßen danach gebettelt wird, abgewatscht zu werden? Eben. Es ist eines, mir alte Kamellen vorzuhalten. Es ist etwas vollkommen anderes, wenn diese ollen Kamellen überhaupt nichts mit der Person zu tun haben, die mir gegenüber steht.

Ich bin nicht mal wütend. Ich bin etwas, daß man als eine Mischung aus Belustigung und mildem Ärger beschreiben könnte. Und ich nehme den Ball auf, der mitten ins Schwarze treffen sollte. Gebe ihn zurück, mit wohl gezielten Worten. Mitten ins Schwarze. So deutlich, daß das Schweigen danach förmlich mit Händen greifbar ist. Halte dennoch den größten Trumpf im Ärmel. Weil ich seine Frau mag, verzichte ich darauf, im wahrsten Sinne des Wortes tief und hart unter die Gürtellinie zu zielen. Schließlich habe ich gezeigt, daß ich mich zu wehren weiß. Es gibt keinen Grund, nachzutreten. Das überlasse ich anderen ... Das kleine Mädchen, das niemand ernst nimmt und das Angst hat, zu sagen was es denkt, gibt es nicht mehr. Jetzt gibt es ... mich. Und meinen Gegenüber, der mich wütend über den Tisch anfunkelt, sich ein weiteres Mal eine blutige Nase geholt hat und nichts mehr zu sagen weiß.

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herraermel - 27. Sep, 19:40

und...

...wie fühlt sich das an? dieses gefühl von maacht...?
nein, im ernst: ich weiß nicht was genau vorgefallen ist, aber so wie dus beschreibst, klingt es, als würdest du dankbar jede möglichkeit zum austeilen ergreifen und dich in deiner überlegenheit aalen.
korrigier mich, wenn ich das falsch verstanden hab!

Mirtana - 27. Sep, 20:27

Nein. Oder wie der Engländer sagen würde "You almost had to be there ..." Nicht alles, was hier zu lesen ist, muß für jeden verständlich sein.

Ich ergreife mit Sicherheit nicht jede Möglichkeit zum Austeilen. Ich ziehe Grenzen weil ich es mittlerweile kann. So lange man mich in Ruhe läßt, lasse ich andere in Ruhe. Ganz einfacher Deal. Macht? Es ist keine Macht, sich so weit im Griff zu haben, eine Auseinandersetzung nicht auf die unterste Schiene gleiten zu lassen - es ist Übung oder die Faulheit, nicht mehr zu sagen als man unbedingt muß um eine Grenze zu ziehen. Es ist im Gegenteil eher erstaunlich festzustellen, was im Grunde hinter dem steckt, was mir als Kind und Teenager Angst eingejagt und weh getan hat. Und das sind die ganz leisen Töne zwischen den Zeilen, die man vermutlich nur entdeckt wenn man mich sehr lange kennt ...
herraermel - 28. Sep, 18:24

habs mir noch mal in ruhe durchgelesen und deine jüngste erläuterung daneben gelegt...
denke, dass ich ziemlich übertrieben habe.
aber vielleicht ist es ja manchmal ratsamer provokationen mit humor zu entgegnen; zumindest kann das manchmal den abend retten. trotzdem ist es richtig sich zu wehren, wenn jemand zu weit geht.
gruß
herraermel
liebesblüte (anonym) - 27. Sep, 22:13

ich hätte gern gewußt, wir Du gekontert hast!
und wie Du das "kontern" gelernt hast.

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"Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte."

deutscher Philosoph
(1724 - 1804)

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