The Black Wolf's Den: Ein "Mirtana-Zwischenfall"
 

Samstag, 11. November 2006

Ein "Mirtana-Zwischenfall"

Was soll das denn jetzt wieder sein? Und da ich diesen Ausdruck nicht geprägt, geschweige denn benutzt habe, kann ich nur wiedergeben, in welch einer Situation ein solcher Ausdruck fallen könnte. Im Grunde genommen also eine Situation, in der jeder mit dem Kopf schüttelt und mitleidig murmelt "Typisch Mirtana!" Jetzt hat das also einen amtlichen Ausdruck.

Da bin ich gestern abend (genauer gesagt war es schon heute früh) irgendwann nach dem Rollenspiel so gegen zwei, halb drei ins Bett gekrochen, um die paar Stunden Schlaf zu genießen, die mir noch vergönnt waren. Um sieben sollte brav mein Wecker klingeln - und das auch noch einem Samstag. Wer mich kennt, weiß auch, daß ich ein Nachtschattengewächs bin und generell Samstags nicht vor zwei Uhr aus meinem Bett krieche. Ich muß den Weckruf meines Handys auch wahrgenommen haben, ich kann mich nur nicht mehr daran erinnern. Kommt bei mir ja mal vor. Als ich panisch aus dem Schlaf schreckte, klebte mir das Handy an der Backe und ein Blick im Dunkel (!) auf ein erleuchtetes Display verriet mir, daß es schon kurz nach acht sei. Was ich ziemlich blöd fand, wollte ich doch um neun Uhr am Bahnhof sein um mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Duisburg zu gelangen.

Was will die Frau in Duisburg und dann noch zu einer Zeit, zu der sie für gewöhnlich noch schläft? Nun, die Frau war mit der SingleMama und dem Unkreativen samt Begleitung zum Mittagessen verabredet und geplant war, mich am Duisburger Hauptbahnhof einzusammeln. Da ich etwas panisch bin, was öffentliche Verkehrsmittel angeht und lieber einen Zug früher als später nehme, fand ich die Tatsache, daß es schon kurz nach acht sein sollte ... etwas unlustig. Also stürmte ich aus der Horizontalen Richtung Badezimmer, verfehlte dabei im Tiefflug knapp eine Türe und fand mich vor dem Spiegel wieder. Dort starrte mir der Tod auf Urlaub entgegen. Ich sah aus wie zerknitterte fünfzig und hatte die Abdrücke vom Handy an der Backe.

Geistig alles andere als wach ist es keine gute Idee, sich gleichzeitig die Haare waschen und dabei Zähne putzen zu wollen. Geht einfach nicht. Da ich sehr lange Haare habe, ist Waschen eine Prozedur, die mal locker flockig fünfzehn Minuten verschlingen kann - bei meiner Unkoordination am frühen Morgen noch länger. Mit der Zahnbürste im Mund, einem Bademantel an und einem Handtuch um die nassen Haare hüpfte ich meine Socken anziehend wieder zurück ins Wohnzimmer und schaute noch einmal nach, wann meine Bahn genau fährt. Da stand sogar "voraussichtlich pünktlich!" unter der gewünschten Verbindung. Allerdings irritierte mich die Uhrzeit auf meinem Notebook. Da stand halb acht. Wie kann das halb acht sein, wenn ich um kurz nach acht panisch aus dem Bett gestürmt war? Bis es mir siedendheiß einfiel: ich hatte mein Handy ja gar nicht auf Winterzeit gestellt ...

Erstmal tief durchatmen, ich habe Zeit! Also in Ruhe anziehen, in Ruhe alles benötigte in die Tasche packen, Schuhe suchen, Schlüssel suchen, Regenschirm aus dem Schrank kramen und nebenbei die letzten fünf Müslikekse vernichten. Ich kam pünktlich zum Bus und war einigermaßen pünktlich am Bahnhof. Menschenleer, außer mir niemand zu sehen. Da stand ich in einem Wartehäuschen, das nicht mal die Bezeichnung Häuschen verdient und wartete. Und wartete. Naja, vielleicht war die S-Bahn mal wieder überpünktlich und du hast sie trotzdem verpaßt. Dachte ich. Ich dachte auch, daß in ein paar Minuten ja der Regionalzug nach Essen kommen müßte. Der kam auch nicht. Es war windig, es war kalt und es regnete. Ich hatte noch keinen schwarzen Tee, ich war geistig nicht wirklich da und dachte mir, daß ich ja auch mit dem Zug nach Oberhausen und von da nach Duisburg fahren könnte. So guckte ich desinteressiert zu, wie eine Diesellok Güterwaggons umherschob und im Weichenhäuschen jemand hinter trüben Glasscheiben hin und her tigerte. Ich wartete auf den Zug nach Oberhausen. Auch dieser kam nicht.

Um viertel vor zehn knackte es in den Lautsprechern und ich hörte "Verehrte Reisende, aufgrund von Wartungsarbeiten verkehren heute keine Züge zwischen Gladbeck West und Bottrop. Die Busse des Schienenersatz-Verkehres halten auf dem Bahnhofsvorplatz." Ich könnte trotz der Entfernung darauf schwören, der Kerl in seinem Weichenhäuschen hatte ein widerlich böses Grinsen im Gesicht. Sein Glück - es lagen mindestens fünfzehn Gleise zwischen mir und ihm. Ich fluchte. Laut. Und ging mit meinem Regenschirm Richtung Bahnhofsvorplatz - nur um festzustellen, der Bus fuhr nur zweimal die Stunde. Und den letzten hatte ich um fünf Minuten verpaßt. Mir war danach, meine klammen Finger um den Hals eines Bahnangestellten zu legen und böse Dinge mit seinen Wirbeln zu veranstalten. Wütend bis in die Haarspitzen latschte ich zur nächsten Telefonzelle und hinterließ eine vermutlich sehr wirre und hysterische Nachricht auf einer Mailbox, daß ich elf Uhr am Duisburger Hbf wohl nicht schaffen würde.

Zehn Minuten nach zehn fuhr der Bus ein, der mich nach Bottrop Hbf transportieren sollte. Vollbepackt. Zur Hälfte mit Rentnern und zur anderen Hälfte mit besoffenen Möchtegern-Karnevalisten, die zwanzig Minuten lang versuchten den Text von "Mer lasse de Dom in Kölle" zusammen zu basteln. Leider war es zu eng, um mit dem Regenschirm wild um mich zu schlagen. Besoffene schon um kurz nach zehn, den Geruch möchte man auf leeren Magen unbedingt in der Nase haben.

Mein Handy klingelte. Eingekeilt zwischen den sehr besoffenen (und ausnahmsweise mal stillen) Möchtegern-Karnevalisten erklärte ich der Hysterie nahe, warum ich es nicht zum verabredeten Zeitpunkt nach Duisburg schaffen würde. Der Mann mit dem Panzer ist im Grunde ein sehr freundlicher Mensch, er ließ mich nicht allzu lange in Bottrop am Hbf herumstehen. Obwohl es ein interessantes Experiment wäre: wie lange braucht Mirtana, um zum hysterischen Eisklotz zu erstarren?

Die gerettete Inhaberin dieses Blogs taute im Panzer ihre erfrorenen Finger allmählich auf, während der freundliche Held des Morgens seinen Panzer Richtung Diebels-Brauerei lenkte. Während seine Begleitung sich auf der Rückbank mit mir unterhielt, hörte ich nur noch den ins Handy gesprochene Satz: "Wir sind schon ein wenig früher dort, wir hatten einen Mirtana-Zwischenfall" ... Okay. Ich bin ein Zwischenfall. Ob sich mein Vater das auch gedacht hat, als er erfuhr, daß ich mich im Bauch meines Mutterdrachen gemütlich einrichtete?

Hübsch dort in Issum, wenn auch janz weit draußen. Auf der Eingangstür prangte ein Schild mit der Aufschrift Reeperbahn und das Interieur ließ eher vermuten, daß man in einem rotsamtenen Puff gelandet sei. Nettes Motto, das mich dazu brachte, ständig auf die leichtbekleideten Damen zu warten. Es kamen keine. Dafür lecker Salat und ein wenig später auch die SingleMama ohne schmerzenden Zahn. Die ich mir ganz anders vorgestellt hatte. Irgendwie größer.

Es hat Spaß gemacht mit Euch und ich freue mich darauf, Euch in Köln wieder zu sehen. Auch wenn ich mich jedesmal frage, welches ritterliche Gen in dem Mann mit dem Panzer stecken muß, daß er mich jedesmal nach Hause fährt auch wenn ich so sarkastisch-böse zu ihm bin. Und ich glaube, das ist eine der Fragen, auf die ich besser keine Antwort haben möchte ... Vielen Dank für einen schönen Nachmittag!

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SingleMama - 11. Nov, 19:00

irgendwie größer? *lach*
ich hoffe, du hast nicht auch gedacht, ich wäre irgendwie netter ;o)
war ein schöner tag!

Mirtana - 11. Nov, 19:09

Noch netter? ;-) Dann gib Dir in Köln mal richtig Mühe, noch netter zu sein. Und ja, es war ein schöner Tag ... Auch wenn ich eben noch einkaufen fahren durfte *seufz*. Wofür halte ich mir einen Mann?

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