The Black Wolf's Den - Der Flug des Bussards
 

Der Flug des Bussards

Dank meiner genialen Fehlschätzung und am Sonntag geschlossener Baumärkte hatte ich nun einen freien Sonntag. Die Tatsache, daß ich damit meinen Wochenplan - sprich, was bis nächsten Freitag alles zu erledigen ist - ziemlich gestrafft habe, ignorierte ich geflissentlich und entschied mich nach einem Blick aus dem Fenster für einen ausgedehnten Herbstspaziergang. Noch ein bißchen goldenen Oktober tanken, bevor uns der November mit Sturm und grauen Regenwolken in die eigenen vier Wände treibt.

Es ist angenehm warm und der leichte Wind läßt bunte Blätter auf den Waldweg regnen. Mit den Füßen wirbel ich das Laub auf und es knistert mit dem Glöckchen an meinem rechten Schuh um die Wette. Es ist friedlich hier und seltsamerweise begegnet mir kein Mensch. So beobachtet mich auch keiner als ich den Waldweg verlasse und quer zwischen den Bäumen hindurch zu meiner Lieblingslichtung schlendere. Ein Meer aus roter, gelber, oranger und brauner Farbe begrüßt mich, die Bäume strahlen in ihren Herbstkleidern um die Wette in der goldenen Sonne. Auf einem sonnigen Fleckchen, daß mit dem trockenem Laub der Buche, die dort steht, übersät ist breite ich die Decke aus und strecke mich wohlig in der Sonne aus. Den "Zauberberg" aus der Tasche gekramt, mehr braucht es nicht und ich bin zufrieden.

Ich weiß nicht genau, wie lange ich schon in mein Buch versunken bin als plötzlich eine Bewegung am Himmel meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Wie ein Stein stürzt ein dunkler Fleck auf den Erdboden zu. Der dunkle Fleck entpuppt sich als Bussard und fasziniert beobachte ich, wie er seinen Sturzflug kurz vor dem Boden elegant abbremst und mit vorgestreckten Krallen landet. Er sitzt zehn, zwölf Meter von mir entfernt und er scheint Beute gemacht zu haben. Ich kann nicht erkennen, was er geschlagen hat und es verwundert mich, daß er sich mit der Beute in den Krallen nicht wieder in die Luft erhebt. "Hast du überhaupt keine Angst vor mir?" frage ich und komme mir im selben Moment etwas albern vor, mit einem Vogel zu reden. Er legt für einen Augenblick den Kopf schief, breitet dann seine Flügel aus und schraubt sich in die Höhe.

Gedankenverloren starre ich ihm hinterher und beneide ihn. Das Buch ruht vergessen auf meinem Bauch während der Bussard sich höher und höher schraubt und allmählich aus meinem Blickfeld verschwindet. Ich schließe die Augen, nur für einen kurzen Moment, und als ich sie wieder öffne, stelle ich mit Erstaunen fest, daß ich etwas unbeholfen über den Boden hopse und mit den Armen schlage. Ich komme mir ziemlich albern vor, ehrlich gesagt, und mein Erstaunen wächst, als ich statt der weichen Wolle meiner Strickjacke Federn auf meinem Arm entdecken muß. Verdutzt bleibe ich still stehen und überlege mir, was ich tun soll. So einfach, wie es ausschaut, scheint es doch nicht zu sein, sich in die Luft zu schwingen.

Zaghaft wage ich einen weiteren Versuch. Ruhiger, koordinierter diesmal und auf einmal fühle ich eine Leichtigkeit, die mich nach oben zu ziehen scheint. Vorsichtig stoße ich mich ab und der Boden entfernt sich langsam von mir. Oder ich von ihm? Sanft werde ich vom Wind erfaßt und ich merke, daß es gar keiner großen Anstrengung bedarf, mich in der Luft zu halten, sondern daß ich mich nur mit weit ausgebreiteten Flügeln vom Wind tragen lassen muß. Jauchzend lasse ich mich vom Wind höher und höher treiben, werde mutiger und fühle mich, als würde ich einfach nur über den Himmel tanzen während sich unter mir eine Landschaft erstreckt, die herbstbunt ist und in der verstreut Häuser liegen. Als ob ein Kind ein paar Legosteine über einem farbenprächtigem Teppich verteilt hätte.

"Da bist du ja endlich," ertönt eine Stimme über mir. Dort segelt der Bussard, den ich eben noch auf der Wiese seine Beute habe schlagen sehen. "Wieso endlich?" frage ich neugierig. "Ich warte schon geraume Zeit auf dich. Dein Herumgehopse da unten sah wirklich mitleiderregend aus," in seinem Tonfall schwingt milder Spott mit. "Du hast auf mich gewartet?" wiederhole ich fragend, den Spott ignorierend. "Ich habe deine Sehnsucht gespürt und dich zu mir gerufen. Folge mir, wenn du kannst," ruft er und segelt mit dem Wind in die Höhe.

Ich folge ihm und wir tanzen über den Himmel, spielen mit dem Wind und ich fühle mich leicht, frei und sorglos. "Warum hast du mich gerufen?" will ich wissen. "Schau dich um, was siehst du?" fragt er zurück. Ich schweige, weiß nicht worauf er hinaus will. "Siehst du Grenzen? Siehst du etwas, das dich einschränkt? Siehst du jemanden, der dir Verbote auferlegen kann? Siehst du etwas, das dich daran hindert herauszufinden, was hinter dem Horizont ist?" sein Blick bohrt sich in den meinen. "Nein," sage ich während seine Worte in mein Herz sickern. "Deswegen habe ich dich gerufen," in seiner Stimme liegt Wärme und Verständnis.

Es benötigt keiner weiteren Worte dort oben am Himmel, wo sich die Landschaft unter mir ausbreitet als wäre sie ein Spielzeugland. Ich bade in dem Gefühl der Leichtigkeit, genieße den warmen Wind, der mich trägt und gleite ziellos über den Himmel. "Du mußt allmählich zurück," seine Stimme klingt fest. "Doch vergiß nicht, wieder hier her zu kommen und dich daran zu erinnern, daß es für dein Innerstes keine Grenzen und Einschränkungen gibt, daß alle Verbote und Moral hier nicht existieren." Ich blicke ein bißchen wehmütig nach unten, die Vorstellung wieder zurück zu kehren behagt mir gar nicht. "Wie komme ich denn wieder darunter?" will ich wissen und fühle mich ein bißchen hilflos. "Leg die Flügel an und laß dich kopfüber in den Wind fallen," erklärt er. "Das kann ich nicht!" rufe ich aus, allein bei dem Gedanken an einen Sturzflug da hinunter wird mir schlecht. "Du kannst es."

Ich tue, was er sagt und ehe ich mich versehe, rauscht die Luft an mir vorbei und ich stürze dem Erdboden entgegen. Kurz bevor ich auf der Wiese aufschlage, reiße ich erschrocken die Augen auf. Ich sitze aufrecht auf meiner Decke und muß offensichtlich geschlafen haben, die Schatten sind länger geworden und die Sonne steht tief am Horizont. Verwirrt versuche ich mich zu orientieren, schüttel den Kopf über den lebhaften Traum und beginne, meine Sachen zusammen zu packen. Als ich über die Wiese gehe, bleibt mein Blick an einer Feder hängen, die genau dort liegt, wo ich den Bussard auf seine Beute zustürzen sah. Nachdenklich hebe ich sie auf, drehe sie sachte zwischen meinen Fingern und schaue in den Himmel. Fast meine ich, dort oben einen kleinen, dunklen Fleck ausmachen zu können, der gemächlich dort oben kreist. Vorsichtig lege ich die Feder zwischen die Seiten meines Buches und mache mich auf den Heimweg. "Ich werde wieder kommen," verspreche ich dem gefiederten Räuber dort oben leise und nehme seine Worte mit nach Hause.

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