The Black Wolf's Den: 04 April 2007
 

Mittwoch, 4. April 2007

Was les ich zuerst?

Da liegen sie, meine Schätze aus der Kiste mit der Aufschrift "Mängel-Exemplare". Dreißig Euro für Bücher auf den Kopf gehauen und die Frage, was lese ich zuerst?
  • Bram Stoker - Dracula (Penguin Popular Classics)
  • Jane Austen - Pride and Prejudice (Penguin Popular Classics)
  • Friedrich Dürrenmatt - Der Richter und sein Henker (geb. Ausgabe der SZ-Bibliothek)
  • Michael Ondaatje - Der englische Patient (geb. Ausgabe der SZ-Bibliothek)
  • Tad Williams - Der Drachenbeinthron
  • J.K. Rowling - Harry Potter and the Goblet of Fire
  • C. Paolini - Eragon Teil 1 (englisch)

Opa Jung

Ich weiß gar nicht, wie er mit richtigem Namen heißt. In der Straße, in der ich aufgewachsen bin, hieß er bei allen immer nur "Opa Jung". Er war schon neunzig, als ich die Oberstufe besuchte. Opa Jung hatte einen scharfen Verstand, keinerlei Berührungsängste gegenüber Jugendlichen und lief jeden Tag zwei Stunden spazieren. Er sah auch nicht aus wie neunzig, sondern man hätte glauben können, er wäre gerade erst in Rente gegangen.

Opa Jung hatte für jeden ein freundliches Wort übrig und traf man ihn im Bus, dann erzählte er einem, was dort früher mal stand und wie die Kinder früher dort auf auf dem Bolzplatz Fußball gespielt haben bevor jemand den häßlichen Kasten da hinsetzte. Opa Jung hatte zwei Weltkriege mit erlebt und sprach darüber mit einer Offenheit, die fast schon brutal wirkte. Ohne zu beschönigen oder zu entschuldigen.

Nach dem Tod seiner Frau (irgendwann in den Achtzigern) mistete Opa Jung die Wohnung nach der Trauerphase aus, nahm sein Leben in die Hand, fing an zu reisen und beschloß, es wäre endlich mal an der Zeit, den Mann wieder zu sehen, mit dem er sich seit einem halben Jahrzehnt Briefe schrieb. Also fuhr Opa Jung nach Amerika und traf den Soldaten wieder, mit dem ihm seit dem Ende des zweiten Weltkriegs eine Brieffreundschaft verband. Kurz, nachdem er wieder da war, fragte mich Opa Jung ob ich ihm die Briefe übersetzen könne, die deutsche Frau des amerikanischen Soldaten sei gestorben und jetzt würde er in Englisch schreiben, was Opa Jung nicht beherrschte. Also übersetzte ich ab und zu für Opa Jung die Briefe, die in einer ordentlichen Handschrift geschrieben waren und vom Leben in Amerika erzählten.

Opa Jung war gebildet und besaß ein Zimmer voller Bücherregale. Er diskutierte mit mir über Böll, Mann und Goethe. Er erzählte mir, wie das damals in Hilden mit der Reichsprogromnacht war und manchmal traf ich ihn im Wald, wenn ich mit dem Hund unterwegs war. Zu seinem neunzigsten Geburtstag schmiß Opa Jung eine große Fete und lud die halbe Straße dazu ein. Auch als die Knochen nicht mehr so wollten, lief er jeden Tag mindestens eine Stunde mit seiner Krücke. Bewegung ist gesund, sagte er immer.

Als ich gestern mit meinem Vater telefonierte, erzählte er mir, daß Opa Jung jetzt mit 99 ins Pflegeheim gekommen sei. Der Körper wolle nicht mehr. Geistig sei er immer noch höchst fit, doch die Arme seien so schwach, daß er nicht mal mehr selber essen könne. Das hat mich traurig gemacht, ich mag den alten Herren sehr gerne. Ich hab ihn immer bewundert, für seinen scharfen Verstand, seine Bildung und die Fähigkeit, die Welt kritisch zu betrachten ohne sie als durchgehend schlecht empfinden zu müssen.

Mögen die Tage im Pflegeheim schmerzlos für ihn sein und er eines Tages friedlich einschlafen. Ich ziehe den Hut vor Ihnen, Opa Jung.

Immanuel Kant:

"Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte."

deutscher Philosoph
(1724 - 1804)

In aller Kürze

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Zuletzt aktualisiert:
10. Aug, 19:25

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