Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.
Rainer Maria Rilke
Ja, ich habe einen ausgewachsenen Faible für Rilke und den habe ich schon lange. Die oben angeführten Zeilen begleiten mich ebenfalls schon eine Weile, tauchen immer mal wieder auf und möchten bedacht werden. In wachsenden Ringen. Was ein starkes, aussagekräftiges Bild. Erinnert mich ein wenig an die Jahresringe der Bäume, an denen ein Kundiger vieles aus dem Leben eines Baumes herauslesen kann. Stürme, Feuer, Dürre, Verletzungen, reiche Jahre und das Alter.
Ein Baum wächst sein ganzes Leben lang. Der Mensch hingegen hat irgendwann das Ende seines körperlichen Wachstums erreicht. Dann wächst er vielleicht so wie ich nur noch in die Breite, nicht in die Höhe. Menschen wachsen nicht nur körperlich, sie wachsen auch geistig. Kann man den Menschen mit einem Baum vergleichen? Haben wir auch Jahresringe, die davon erzählen, was warum und wieso aus uns geworden ist? Woher wir kommen, was wir gesehen und erlebt haben, was uns geprägt hat?
Gut, man hält mich meist auch so schon für verrückt genug, ich werde jetzt also nicht behaupten, ich sei ein Baum oder würde mich wie einer fühlen. Wachsende Ringe, die sich über die Dinge ziehn. Und ich wachse. Manchmal sehr zögerlich und manchmal in sehr großen Schritten. Wenn ich alten Verletzungen erlaube zu verheilen statt mit dem Finger die Wunde offen zu halten, dann wird sich mit der Zeit ein Ring nach dem anderen darüber legen.
Wachstum geschieht manchmal unmerklich. Schließlich sehe ich mich jeden Tag und jemandem, den ich nicht so oft sehe, wird viel eher auffallen, daß sich etwas an mir verändert hat. Es braucht erst den Blick zurück um zu sehen, wie weit man gegangen ist. Und diesen Sommer ist viel passiert, das meiste davon nicht sehr erfreulich. Ich war gezwungen, alte Vorstellungen zu überdenken, den Finger aus uralten Wunden zu nehmen, mich mit Angst auseinander zu setzen und schlußendlich zu überwinden, Dinge loszulassen, mich anstecken zu lassen von der Energie und Tatkraft anderer, als Zuschauer zu sehen, wie sich Dinge weiter entwickeln und zu begreifen, daß Vergangenheit eben genau das ist: vergangen. Auch wenn ihre langen Finger bis in die Zukunft reichen, denn sie macht aus mir das, was ich bin. Dennoch auch kleine Erfolge als das zu sehen, was sie sind: Erfolge. Es macht keinen Unterschied mehr, wie groß oder wie klein der Erfolg ist. Mancher Weg beginnt mit kleinen Schritten - und das ist auch gut so.
Es ist schmerzhaft begreifen zu müssen, daß ich selber es war, die mir immer im Wege stand. Nur ich und niemand anderes. Auch wenn es die angenehmere Lösung gewesen wäre, jemand anderen dafür verantwortlich zu machen. Manchmal braucht es jemanden, der an den Grundfesten des eigenen Selbstbildes rüttelt und Fähigkeiten zum Vorschein bringt, die man selber schon lange vergessen hat. Denn Erfolg stellt sich nicht automatisch ein und die Gelegenheiten, wo uns etwas in den Schoß zu fallen scheint, sind rar gesät. Zu rar um ewig darauf warten zu können.
Der erste Schritt? Glauben in sich selber und Glaube daran, daß ich mein Leben in wachsenden Ringen lebe, die sich über die Dinge ziehn. Auch wenn ich den letzten nicht schaffen mag oder sollte, ihn gar nicht erst zu versuchen wäre kein Weg mehr, sondern Stillstand. Wer kämpft, kann verlieren - wer nicht kämpft, hat schon verloren. Sagte Brecht und den halte ich für einen klugen Mann. Exakt zehn Worte. Das ist nicht viel. Sehr viel hingegen sind acht Jahre bis man diese zehn Worte nicht nur verstanden, sondern auch verinnerlicht hat. Und das nach der Erkenntnis, daß man all die Jahre verloren hat, weil man nie für sich gekämpft hat. Rheinländische Gemütsruhe hat nicht nur Vorteile ... Es kann ein harter Kampf mit sich selber sein, den Finger aus einer Wunde zu nehmen - man hat sich im Laufe der Zeit schon fast an den Schmerz gewöhnt. Was bleibt, wenn der Schmerz ausbleibt?